TG? Hä, was heisst das? – Der Versuch einer Einführung.
Transformative Gerechtigkeit ist ein Umgang mit Gewalt und Leid.
Sie fragt: Was macht uns sicher? Was macht uns vor, während und nach Gewaltausübung handlungsfähig? Wie zentrieren wir Betroffene und ihr Wohlergehen? Wie gehen wir mit Täter*innen um?
Sie sucht Antworten in Selbstorganisation und Solidarität, statt Strafe und Staat. Sie träumt von kollektivem Commitment und einer Welt ohne borders.
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Der Versuch einer Einführung
Der Begriff Transformative Gerechtigkeit (kurz TG) kommt aus dem Englischen Transformative Justice und beschreibt Theorie, Konzept und Praxis, die einen staats- und repressionsunabhängigen Umgang mit Gewalt ersuchen.
Ausgangspunkt ist eine politische Analyse von Gewalt: Woher kommt sie, von wem und wie wird sie (re-)produziert? Auf systemischer Ebene lautet die Antwort, dass der Kapitalismus und der Staat, sowie Unterdrückungsformen wie Rassismus, Patriarchat und Ableismus, Gewalt herstellen, formen und begünstigen. TG versteht also auch zwischenmenschliche Gewalt als mitunter kontextbedingt und gewissermassen als Konsequenz der vorherrschenden Systeme und Strukturen.
Oft wird in Transformativer Gerechtigkeit ein spezifischer Fokus auf sexualisierte Gewalt und dem Umgang damit gelegt. Dabei sind Prinzipien wie u.a. Betroffenenzentriertheit und Parteilichkeit wichtig. Transformative Gerechtigkeit setzt auf Selbstorganisierung und community-basierten Antworten und strebt danach, institutionalisierte Herangehensweisen (Polizeibeteiligung, Anzeigen, Gerichtsverfahren, …) zu meiden.

Müssen wir bei Reibung, Konflikten und Gewalt wirklich strafen?
Wie wärs mit einer Gesellschaft, die nachhaltige Gerechtigkeit anstrebt und strukturelle Gewalt tatsächlich anpackt?
Politisch lässt sich Transformative Gerechtigkeit als antirassistische, feministische Arbeit einordnen, die von disability justice beeinflusst ist.
Transformative Ansätze beschränken sich nicht auf die sexualisierte Form von Gewalt. Sie können in unterschiedlichsten Situationen Anwendung finden, wo punitive Logiken und problematische Machtverhältnisse vorherrschen. Do it yourself, Ausprobieren und damit potenzielles Scheitern sind vorgesehen. Es wird bewusst davon ausgegangen, dass die eine Lösung eines Standard-Verfahren nicht existiert.
“Angela Davis says this perfectly—there is no one alternative. There are a million alternatives. And the issue is to figure out which alternative works for what situation. (…) It’s like what works for this particular situation that we’re in? What works for these people? How are we going to actually address this based on human needs? These are the things that we’re interested in as PIC [Prison Industrial Complex] abolitionists. I think that makes us actually again incredibly creative. Always generative. And also not afraid, again, of failure.” (Kaba, 2021, S. 193)
Historisch ist Transformative Justice in den USA Ende 20. Jahrhundert aus Schwarzen Gemeinschaften entstanden. Die Entstehung des Begriffs ist aber nicht mit der Entstehung der Praktiken gleichzusetzen und eine genaue Rekonstruktion deshalb auch schwierig. Dass die Arbeit von Modellen unterschiedlicher indigener Gemeinschaften beeinflusst und inspiriert ist, wird immer wieder betont. Dabei werden unter anderen First Nations auf Turtle Island (auch Nordamerika ) und Māori auf Aoteaora (auch Neuseeland) benannt. (ignite! Kollektiv & Awarenetz, 2021)